Diskurs

Kartenwelten – Textwelten: Kartographische und textliche Diskurse des Wiederaufbaus ostmitteleuropäischer Städte

Das Projekt fußt auf der Annahme, dass geographisches Wissen und Raumaneignung historische, soziale, politische und ökonomische Aspekte vereint. Es setzt sich zum Ziel, nicht nur die Herstellung, Distribution und Rezeption von Städtekarten und Begleittexten zu untersuchen, sondern deren Strategien zur Formung nicht nur realer Stadttransformationen, sondern auch kognitiver Karten, bzw. deren Charakter als Vorstellungsleistung zu enthüllen.

Das Teilprojekt fokussiert sechs Referenzstädte (Brieg/Brzeg, Kolberg/Kołobrzeg, Elbing/Elbląg, Drohobycz, Grodno, Brest), die im Zeitraum 1939–1953 massive politische, administrative, ethnische und bauliche Veränderungen durchliefen und analysiert diese anhand von vier Leitfragen:

  1. In welchem Verhältnis stehen Diskurse über Um- und Aufbau von Städten einerseits in kartografischen Quellen, andererseits in textlichen Quellen?
  2. Welche Akteure (Kartenautor*innen und Textautor*innen) prägen diese Diskurse, und wer kann sich im Verlauf des Untersuchungszeitraums mit welchen Diskursen durchsetzen?
  3. Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen einerseits den städtischen Neu- und Umbauvorhaben ab 1941 im Zuge der Inbesitznahme der Städte durch NS-Zivilverwaltungen bzw. ab 1944/45 durch den Einzug einer sozialistischen Stadtverwaltungen, und andererseits den Zielsetzungen eines Wiederaufbaus und der jeweils lokalen Aneignung von historischer Bausubstanz?
  4. In welcher Weise stritten die Akteur*innen darum, was unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs an „Verlust“ und was als „Gewinn“ oder auch „Fortschritt“ im Um- und Wiederaufbau der Städte zu werten sei?

Der interdisziplinäre Ansatz bringt Kartenmaterial (Karten und Kartenentwürfe zur Planung, Bestandserhebung, interne und veröffentlichte Stadtpläne) und Textmaterial verschiedener Provenienz zusammen (Reiseführer, universitäre und schulische Lehrwerke und sog. graue Literatur wie Jubiläumsschriften und Städtechroniken).

Neben der Analyse der Gewinn- und Verlustrhetorik der jeweiligen Städte im Angesicht von Kriegszerstörungen, gilt es das Zusammenspiel zwischen allgemeiner sozialistischer Maxime und den jeweils länderspezifischen (PL, BY, UKR) Interpretationen des Städtebaus zu hinterfragen: Wie werden die Neuformung des historischen Bewusstseins mit nationalen Stadtraum-Narrativen in Einklang gebracht? Wie wird z.B. die Verantwortlichkeit für die Zerstörung thematisiert, kam es doch in vielen Städten nach Ende des Krieges zu massiven Schäden durch Brandlegungen im Zuge von Plünderungen durch verschiedene Gruppen, denen die stark eingeschränkt funktionierende Feuerbekämpfung wenig entgegensetzen konnte. Wie versuchen zudem die lokalen Akteur*innen (im Angesicht der Zensur) eigene Visionen des Wiederaufbaus zu präsentieren?